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Wird ein Kind geboren, sind alle Fähigkeiten in ihm angelegt. Daher geht es im späteren Leben darum, welcher Ausdruck einem Kind durch das Umfeld gestattet wird und wie sich diese Erfahrungen anfühlen. In diesem Zusammenhang fällt immer öfter der Name der Krippenpädagogin Emmi Pikler.

Emmi Pikler: Gib mir Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe

Emmi Pikler wurde 1902 in Wien geboren, ab 1932 lebte sie als angesehene Kinderärztin mit ihrer Familie in Budapest. Nach dem Krieg übernahm sie die Leitung eines Kinderheimes und setzte dort eine Erziehungsphilosophie um, für die sie sich schon bei der Betreuung ihres ersten Kindes entschieden hatte. Ausgehend von ihren Erfahrungen besitzen Krippenkinder ihren eigenen Entwicklungsrhythmus. Sie benötigen eine liebevolle Interaktion mit ihren Betreuungspersonen und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Statt von dem Gedanken auszugehen, dass ein Krippenkind ständig Vorgaben und Unterstützung braucht, beruht der Ansatz der ungarischen Ärztin auf Vertrauen seitens der Erwachsenen.

Die Schwerpunkte für das Kita Konzept nach Pikler basieren auf
– beziehungsvoller Pflege
– freiem Spiel
– autonomer Bewegungsentwicklung

Nach eigenen Impulsen leben

Jedes Kind sollte die Möglichkeit erhalten, seine Umwelt innerhalb eines geschützten Rahmens selbstständig erkunden zu dürfen. Dieses Bedürfnis ist in jedem Kind angelegt, denn es lebt nach dem Lustprinzip. Das Innere produziert Impulse, die das Kind lenken und denen es instinktiv folgt. Im häuslichen Umfeld sollten Kinder daher nicht in ihrem Spiel unterbrochen und aus der Konzentration gerissen werden. Sonst entwickelt sich später das Gefühl, nie genug Zeit für eine Aufgabe zu haben. Beim An- und Ausziehen muss sich Zeit genommen und auf die Mitarbeit des Kindes gewartet werden. Nur so kann es begreifen, was getan wird und warum. Eine liebevolle Ansprache und das Kommentieren der einzelnen Handlungsschritte sind ebenfalls sehr wichtig. Aus dieser Erkenntnis wächst die Bereitschaft, positive Gewohnheiten zu entwickeln. Diese entsteht nicht, wenn ausschließlich Vorgaben entsprochen werden muss.

Kinder müssen als Wesen verstanden und respektiert werden, die sich psychisch und physisch auf ihre Weise ausdrücken, statt den Vorstellungen erwachsener Menschen zu entsprechen. Entwicklungstabellen und Leistungserwartungen sind bei diesem Konzept fehl am Platz.

Innige Beziehungen für eine gesunde Psyche

Wie auch in der Pädagogik von Maria Montessori geht es darum, dem Kind als Freund und Begleiter zur Seite zu stehen und es darin zu unterstützen, die Dinge selbst zu tun. Emmi Piklers Konzept bezieht sich dabei auf das Krippenalter, während das Konzept von Montessori die gesamte Schulzeit mit einschließt.
Für Emmi Pikler war auch der warmherzige Umgang mit den Kindern von besonderer Bedeutung. Kinder bedürfen der liebevollen Ansprache, die keinem Zeitdruck unterworfen sein darf. Das bedeutet, dass sich Betreuungskräfte zuerst ihrer eigenen Konditionierung bewusst werden müssen, um diese nicht an die Kinder weiterzugeben.

Dieses Konzept lässt sich nur umsetzen, wenn die Betreuungspersonen über das physische Versorgen der ihnen anvertrauten Kinder hinausgehen können. Liebevolle Blicke, aufmunternde Bestätigung und die Überzeugung, dass der kindliche Organismus genau weiß, was er bereits leisten kann, gehören zu diesem Kita Konzept.

Wer ein Kind fördern möchte, geht in den meisten Fällen von einem Normverhalten der entsprechenden Altersgruppe aus. Emmi Pikler lehnte diese Pauschalisierung ab und war sich bewusst, dass jedes Kind seinem individuellen Umfeld ausgesetzt ist und demzufolge unterschiedliche Entwicklungsfortschritte macht.

Spielgeräte, die selbstständiges Handeln fördern

Achtsamkeit und innere Gelassenheit sind notwendig, um den Fähigkeiten des Kindes zu vertrauen. Nur dann ist es möglich, dem Kind eigene Erfahrungen zu erlauben. Damit es seine motorischen Fähigkeiten selbstständig erproben kann, bietet das pädagogische Konzept von Pikler spezielles Spielmaterial an. Dazu gehören beispielsweise das Kletterdreieck, der Pikler Bogen, die Regenbogenwippe, die Krabbelkiste und der Lernturm. Im fortgeschrittenen Alter kommen Naturmaterialien wie Kastanien, Zweige, Zapfen und Tücher hinzu.

Das eigene Kinderzimmer lässt sich ebenfalls nach diesem Ansatz gestalten

Naturspielzeug, das verschiedene Nutzungsmöglichkeiten bietet, spricht die Sinne des Kindes an. Eltern sollten beim Spielen immer in der Nähe sein. Nicht nur, um das Kind vor möglichen Verletzungen zu schützen. Die Anwesenheit der Mutter gibt dem Kind ein sicheres Gefühl. Es weiß instinktiv, dass nichts passieren kann und im Notfall kommt Hilfe von der Mutter. Hier geht es um die intensive Mutter-Kind-Bindung, die sich nur entwickelt, wenn sie gelebt wird. Das Kind steht unter Aufsicht, die seinem Schutz und nicht der Kontrolle oder dem Leistungsdruck dient.

Die Spielgeräte wurden von der Gymnastiklehrerin Elfriede Hengstenberg entwickelt, die den natürlichen Bewegungs- und Entdeckerdrang des Kindes unterstützen wollte. Leitern, Hocker und Stangen zum Balancieren sollen schon Krippenkindern die Möglichkeit geben, gefahrlos ihr Umfeld zu erkunden. Betreuende Personen sind beobachtend anwesend, greifen aber nur ein, wenn sich der Nachwuchs aus einer gefährlichen Situation nicht mehr selbstständig befreien kann und Hilfe einfordert.