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Wie wir bedürfnisorientiert abstillen wollten

Als wir Eltern wurden, hatten wir einige lustige Ideen im Kopf, wie unser Alltag mit Kind wohl ablaufen würde. Olaf würde ganz viel vorlesen, dachten wir (darf er bis heute kaum). Ich würde schöne Frisuren auf den Kopf unserer Tochter flechten (die ihre Haare bis heute am liebsten wuschelig-offen trägt). Und, das war uns ganz wichtig, unser Kind würde bedürfnisorientiert selbst entscheiden, wie lange es an der Brust trinken möchte. 

Stillen bei Gewitter

Leider klafften da Anspruch und Wirklichkeit von Anfang an weit auseinander. Schon die Stillberatung nach der Geburt war bei uns nicht mehr als ein: „Legen Sie das Kind so an die Brust, dann trinkt es, sehn Sie? Klappt ja jetzt, viel Erfolg noch!“ In Krankenhäusern fehlt oftmals die Zeit für eine liebevolle Betreuung. Ohne unsere Hebamme hätte nicht mal das Anlegen an die Brust geklappt. Doch sobald unsere Tochter verstanden hatte, wie das Ganze funktioniert, gab es kein Halten mehr. Anfangs wurde sie alle zwei bis drei Stunden wach, um ein bisschen zu nuckeln. Die Milch gab ihr Sicherheit und Geborgenheit. Letztlich habe ich in Zügen, bei Gewitter im Freien und allen anderen möglichen und unmöglichen Orten gestillt.

Jedes Kind ist anders

Anfangs war ich überzeugt, dass diese herausfordernde Phase schnell vorbeigehen würde. Ich sah, wie andere Kinder mit etwas über einem halben Jahr begeistert ganze Gurken verspeisten (gefühlt ohne Zähne!) und Milch von einem auf den anderen Tag uninteressant wurde. Doch mein Kind wurde älter und älter und der Milchdurst nicht kleiner. Versuche, feste Nahrung einzuführen, scheiterten grandios. Nächtliches Abstillen endete in solchen Kämpfen und Schreianfällen, dass wir Eltern immer wieder aufgaben. Irgendwann hatte ich das Gefühl, mein Kind würde auf mir leben. Um den zweiten Geburtstag herum, mit entzündeten Brüsten und vor Müdigkeit eingefallenen Augen, konnte ich nicht mehr. Ich wartete nicht mehr, bis mein Kind sich selbst abstillte. Ich machte einen radikalen Cut und hörte von einem Tag auf den anderen auf zu stillen. 

Was bedürfnisorientiert abstillen wirklich heißt

Es funktionierte. Nicht ohne Tränen, nicht ohne Wut und auch nicht ohne schlechtes Gewissen. Aber ich bekam meinen Körper zurück und konnte letztlich viel besser für mein Kind da sein. Seit damals haben wir eine Sache verstanden: Bedürfnisorientiert leben heißt nicht, über der Wunscherfüllung des Kindes die eigenen Bedürfnisse zu vergessen oder sich selbst Grundbedürfnisse wie Schlaf oder körperliche Unversehrtheit zu versagen, weil es „besser fürs Kind“ ist. Wenn es uns Eltern nicht gut geht, kann es auch unseren Kindern nicht gut gehen. Wir müssen also als Allererstes schauen, dass unsere Bedürfnisse so gut es geht erfüllt sind, bevor wir liebevolle Eltern sein können. Dazu gehört auch, die Bedürfnisse des Kindes nicht über die eigenen zu stellen, wenn das nicht geht. Auch im Flugzeug müssen wir zuerst unsere eigene Sauerstoffmaske aufsetzen, damit wir unseren Kindern helfen können. 

Was würde ich heute anders machen?

Heute würde ich mir vor allem weniger Stress machen. Die verzweifelten Versuche, mein Kind für feste Nahrung zu begeistern – sei es mit Möhrchen, Baby led weaning oder der Beikosteinführung – endeten zuverlässig in abstrakten Küchengemälden mit Brei. Ich habe verstanden, dass meine Tochter ihrem eigenen inneren Zeitplan folgt und genieße es zu sehen, mit wie viel Freude sie heute Essen entdeckt und Lieblingsgerichte hat. Zugleich weiß ich aber auch, dass ich viel früher auf mich und meinen Körper hätte hören sollen und dass das Abstillen für mich zu spät kam. Aus Scham oder inneren Ansprüchen zu lange zu stillen ist nicht besser für die Mutter-Kind-Beziehung, und es ist auch nicht, wie ich bedürfnisorientiert leben heute verstehe. Seitdem ich das weiß, ist unser Alltag viel mehr so, wie ich in mir in der vor der Geburt mal ausgemalt hatte.

Josephine Bernstein schreibt für Barrio unter anderem über bedürfnisorientierte Elternschaft. Weitere Denkanstöße findet ihr auf ihrem Blog, bei Instagram oder bei Twitter.

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