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Was bedeutet der Begriff „schwarze Pädagogik“?

Im Alltag verstehen wir unter dem Begriff „Schwarze Pädagogik“ jede Form von gewaltvoller Erziehung.

Dabei muss es sich bei der Gewalt gegen Kinder nicht unbedingt um körperliche Gewalt handeln. Auch das Kleinmachen und Beschimpfen oder das Negieren von Gefühlen können darunter fallen. Insbesondere die Ratgeber von Johanna Haarer, die in der Nazizeit fast jeder schwangeren Frau zum Geschenk gemacht und bis vor dreißig Jahren nur leicht überarbeitet veröffentlicht wurden, haben tiefe Spuren in unseren Köpfen hinterlassen. Eine Kernaussage dieser ohne jegliche pädagogische Erfahrung verfassten Bücher lautet: „Eine deutsche Mutter kennt keinen Fehler außer dem einen, ihre Kinder zu verzärteln.“

schwarze Pädagogik führt zu gestörte Bindungen

Anders gesagt: Es ist besser, den Willen eines Kindes zu brechen, als es zu verwöhnen. Wer wie wir Anhänger der bedürfnisorientierten Erziehung ist, kann hier nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Auch das mittlerweile zu Recht berüchtigte Einschlaf-Training von Babys, die bis zur Erschöpfung alleine schreien gelassen werden, hat in den kruden Machwerken Haarers seinen Ursprung. Babys weinen, um ein Bedürfnis anzuzeigen. Wer sein Baby schreien lässt, ohne es zu trösten, setzt es letztlich dem Gefühl von Todesangst und absoluter Hilflosigkeit aus. Ein Kind, das unter diesen Umständen lernt, einzuschlafen, weiß, dass auf nichts im Leben Verlass ist, da ihm die eigenen Eltern nicht zur Hilfe gekommen sind. Diese Kinder werden auch als Erwachsene große Probleme haben, sich sicher zu binden.

Unsichtbare Gewalt und schwarze Pädagogik

Die entscheidende Frage ist: Wieso wird dieser Umgang mit kleinen Menschen nicht als gewaltvoll eingeschätzt? Weil es ein Umgang mit Kindern ist, der über Generationen weitergereicht wurde. Das, was wir als Kinder erleben, halten wir für normal. Ganz besonders, wenn unsere Nachbarn, Freunde und Verwandten ähnlich aufwachsen.

Wir haben uns an Gewalt gewöhnt

Aber das bedeutet nicht, dass im Schreien lassen und Kleinreden von jungen Menschen keine Gewalt steckt. Es bedeutet nur, dass wir uns an diese Gewalt und ihre Folgen gewöhnt haben, das schwaze Pädagogik salonfähig ist. So sehr, dass wir nicht hinterfragen, wieso unser Bauchgefühl schreit, wenn wir unser weinendes Kind nicht in den Arm nehmen. So sehr, dass wir uns lieber hinter einem „Das macht man so!“ verstecken, statt uns permanent für unseren gewaltfreien Umgang mit unseren Kindern rechtfertigen zu müssen, der in vielen Lebenslagen anders ist als gewohnt.

Tief sitzende Spuren

Studien zeigen, dass Kinder, die von ihren Eltern gewaltvoll erzogen wurden, diese Erziehungsmuster häufig unhinterfragt weitergeben, wenn sie selbst Nachwuchs haben. Das heißt, dass wir noch heute die Folgen der Schwarzen Pädagogik spüren, auch wenn die entsprechenden Bücher schon lange aus dem Handel verschwunden sind und Gewalt gegen Kinder geächtet ist.

Die Spuren der schwarzen Pädagogik sind nicht zu verachten

Die Spuren der schwarzen Pädagogik sitzen tief und reichen von Einschlaf-Trainings bis in unser Schulsystem. Wollen wir diese Strukturen und Menschenbilder aufbrechen, müssen wir den Umgang mit kleinen Menschen neu lernen – und als Erwachsene permanent unsere eigene Macht und Verantwortung hinterfragen.

Folgen für Generationen

Denn wer als Kind in einer scheinbar lebensbedrohlichen Situation keine Hilfe bekommen hat oder in seinen Wünschen und Bedürfnissen nicht ernst genommen wurde, tut sich auch als Erwachsener schwer, Hilfe anzunehmen. Die Folgen können von Burnout und Überlastung bis hin zu psychischen Krankheiten reichen, die scheinbar ohne Ursache auftreten. Da unser Umgang mit Gefühlen und unsere Sicherheit im Leben so früh angelegt werden, ist es wichtig, dass wir uns als Eltern unserer eigenen Prägungen und Muster bewusst werden, damit der Zirkel der Schwarzen Pädagogik durchbrochen werden kann.

Verhältnis auf Augenhöhe

Kinder müssen auf Augenhöhe wahrgenommen und getröstet werden. Wer sein Kind liebevoll in den Arm nimmt und ihm hilft, auch in einer schweren Situation den Fokus aufs Positive zu behalten, bestärkt es für sein ganzes Leben und sorgt dafür, dass der Spuk der Schwarzen Pädagogik sein wohlverdientes Ende findet.

Olaf Bernstein

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Beitragsfoto: von Olaf Bernstein