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Der folgende Brief ist uns zum Thema Depressionen anonym zugespielt worden. Wir danken auf diesem Weg der Schreiberin für diesen ergreifenden Brief und machen ihn gerne unseren Lesern zugänglich.

Der Brief an meinen Bruder

Hallo mein Lieblingsbruder,

als wir Kinder waren, warst du immer für mich da, hast auf mich aufgepasst, mir jeglichen Blödsinn gezeigt. Gemeinsam haben wir unsere Eltern gleichzeitig zur Verzweiflung getrieben und ihnen ein Strahlen auf die Lippen gezaubert, wenn wir Hand in Hand die Welt erkundeten.

Scheinbar heile Welt

Wir Zwei waren uns genug. Und als unsere kleine scheinbar heile Familienwelt auseinander brach und unsere Eltern getrennte Wege voneinander gingen, haben wir uns gegenseitig gehalten. Du und ich, es gab plötzlich nur noch uns beide, gegen den Rest der Welt. Und wir haben es gemeinsam gemeistert, wir sind nicht untergegangen. Es war irgendwie nie leicht, aber zu wissen, dass du da warst, hat es machbar gemacht. 

Und jetzt bist du krank

Und jetzt bist du krank. Schon länger. Als du mir das erste Mal davon erzählt hast, war ich gerade weit weg und konnte nicht bei dir sein. Konnte dir nicht die Schulter hinhalten, an die du dich hättest lehnen können. Wir haben viel gechattet und telefoniert und trotzdem bin ich das Gefühl nicht losgeworden, dass das nicht genug ist, dass ich als Schwester mehr tun müsste.

Viele Sorgen

Es tut mir leid, wenn ich am Anfang mit zu vielen Sorgen reagiert habe, wenn ich meine Gefühle, Ängste und Sorgen zu deiner Krankheit auch noch bei dir abgeladen habe. Wenn ich unbedachte Dinge gesagt habe. Wenn ich meine Überforderung auch noch bei dir geparkt habe. Wenn Plattitüden leichter waren, als einfach nur zuzuhören, dich sprechen und dich sein zu lassen.

Keine körperlichen Symptome

Ich habe in den letzten Jahren viel gelernt und viel beobachtet. Je mehr ich über deine und unsere Situation nachdenke, umso öfter kommt mir der Gedanke, dass du schon als Kind krank warst. Es hat nur keiner gemerkt, deine körperlichen Symptome wurden nie mit deinen Gefühlen in Verbindung gebracht. Hinfallen, aufstehen, weitermachen. Immer und immer weiter. Alles runterschlucken, was nicht in die Normalität passt. Die richtige Hilfe blieb dir so lange verwehrt.

Unsere Eltern sind überfordert

Unsere Eltern sind auch heute noch mit allem überfordert. Mama macht sich dauernd Sorgen, versteht nicht, dass du dir bereits all die Hilfe gesucht hast, die du jetzt brauchst, dass du trotz deiner Krankheit versuchst, alles im Griff zu behalten. Sie ist ohnmächtig ob deiner Probleme, weil es für uns nicht greifbar ist, weil wir nicht in dir drin stecken.

Nur du kennst deinen Weg

Weil nur du weißt, was dir hilft und wir dir den Weg nicht abnehmen können. Sie möchte, dass es einfach aufhört, dass es dir jetzt einfach wieder gut geht. Und für Papa ist es wie ein Schnupfen. Du musst nur Lächeln, das Leben von der schönen Seite sehen, mehr rausgehen, mehr Sport machen, nicht so viel nachdenken. Am besten einfach jetzt sofort fertig werden mit dem Studium und zu Arbeiten anfangen. Weitermachen, als wäre nichts und vor allem, nicht von den schlechten Gefühlen unterkriegen lassen.

Du bist in guten Händen

Und ich stehe da, staunend, zweifelnd, kopfschüttelnd. Ich weiß, dass du in guten Händen bist, ich weiß, dass du nicht einfach nur Lächeln musst und alles wird wieder gut. Ich weiß, dass kein Mensch der Welt dir jetzt sagen kann, was du brauchst oder tun musst. Ich weiß, dass ich dir keinen Rat geben muss und vor allem geben kann. Ich kann nur für dich da sein. Ich hab dich immer verstanden, du musst nie viel erklären oder dich bei mir nicht verteidigen. Und ich halte unsere Eltern von dir fern, halte dir den Rücken frei, lass sie ihren Blödsinn alleine ausmachen und versuche sie daran zu hindern, dir noch mehr Probleme zu machen.

Ich versuche stark zu sein

Jetzt bin ich hier, versuche stark zu sein, damit du du sein kannst. Wenn wir uns treffen, achte ich darauf, dass es dir gut tut. Das es uns gut tut. Ich höre dir zu, wenn du mir von deiner Therapie erzählen möchtest und ich sitze schweigend neben dir, wenn du einfach nur schweigen möchtest.

Deine Therapie

Dir ging es zwischendurch besser, hattest deine Therapie reduziert und wieder angefangen zu leben und jetzt steckst du doch wieder in diesem Sumpf, kommst nur langsam vorwärts. Die Angst, dass du irgendwann nicht mehr hier sein könntest, dass dir alles zu viel wird und du gehst, mit dieser Angst muss ich leben und es liegt ganz alleine an mir, einen Weg zu finden, dass ich mit dieser Angst zu leben lerne.

Mögest du deinen Weg finden

Ich wünsche dir von ganze Herzen, dass dein Weg dich wieder auf sicheren Grund führt, dass du wieder die Farben dieser Welt siehst. Ich wünsche dir, dass du in Ruhe gesund werden kannst und dass dein Leben aufhört, dir Steine in den Weg zu legen. Ich vertraue darauf, dass es weitergeht. Ich werde dich für immer lieben, ich werde dir immer eine Hand reichen, wenn dein Gang unsicher wird und wenn du eine Pause brauchst, dann werde ich mich neben dich setzen.

Wir zwei Beide, Hand in Hand. Ich liebe dich!

Deine kleine Schwester

Beitragsfoto: Kevin Gent, unsplash

Diesen Brief hat uns eine anonyme Schreiberin zukommen lassen. Wir sind alle brührt von dem Brief, den sie an ihren Bruder geschrieben hat, sagen Danke und wünschen für die Zukunft alles Gute.

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