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Quarantini im Bikini

Rückblick aus Teil 1: Schamlose Familie fährt über Ostern in die Sonne nach Dubai und lässt es mit Restaurant- und Poolbesuchen krachen. Ein positiver Coronatest und drei „presumptive positive“ Ergebnisse, glücklicherweise falsch, unglücklicherweise aber offiziell, bringen die Rückreiseplanung der Abenteurer*innen zu Fall. Statt im Flugzeug sitzen sie nun in einem stündlich enger und stickiger werdenden Hotelzimmer und machen lange Gesichter.

Einer für alle, alle für einen

Nun gibt es verschiedene Optionen:
Das positiv getestete Kind ins Quarantänehotel schicken, die „halbschwangeren“ presumptive positive Kandidat*innen nach 72h frei testen und bis dahin im Hotel „isolieren“ und ab nach Hause. Das positiv getestete Kind mit einer Begleitperson ins Doppelzimmer im Quarantänehotel schicken, die Halbschwangeren siehe oben. Eine private Quarantäneunterkunft suchen und einen Teil der Gruppe dort einquartieren. Mit gehangen – mit gefangen, die Familie bleibt zusammen und sucht ein Quartier für alle.
Alle Modelle haben diverse Vor- und Nachteile, die man am Ende auf die zwei Parameter Kosten und Familie reduzieren kann. Diese beiden stehen einander gegenüber – leider ohne Schnittmenge! „Family first“ – Die ersten vier Tage würden wir auf jeden Fall alle zusammen bleiben, soviel war klar und nach der Freitestung dann weitersehen. Nach zwei intensiven Stündchen auf AirBnB habe ich ein hübsches Appartement mit Terrasse und Pool gefunden, dessen Vermieter uns auch sofort einziehen lassen kann und will. Denn eines ist klar: Aus diesem Zimmer, diesem Hotel müssen wir jetzt raus!
Ich verkünde Christie, der Leiterin der medizinischen Abteilung, unsere bevorstehende Abreise, teile Dubai Health Authority unsere Quarantäneadresse mit und es geht haste was kannste, in die neue Unterkunft.

“10 Tage, mein Schatz!”

Mit dem im Rückspiegel kleiner werdenden Hotel, steigt auch die Laune unserer kleinen Reisegruppe wieder. „Mama, wie lang sind wir jetzt noch in Ferien?“ „Ferien? Ferien? Ich glaub, es hakt! Jetzt bricht doch zu Hause alles zusammen. Wer passt auf die Tiere auf? Wer sagt es den Schulen und Kindergärten. Ach herrje, ja – Bescheid sagen muss ich ja jetzt auch noch allen. Ist das peinlich! Termine habe ich kommende Woche auch jede Menge. Das wird ein Stress. Und wer sagt uns eigentlich, wann wir hier wieder rauskommen? Was ist denn, wenn nach 72h wieder ein positiver Test dabei ist. Das ist doch alles ein Riesenmist!“ denke ich mir und sage „Zehn Tage, mein Schatz.”
Das Apartment ist wunderschön. Drei Schlafzimmer, eine große Küche, die herrliche Terrasse mit Pool ist mindestens so schön, wie auf den Bildern und eine Tischtennisplatte gibt es auch. Hier lässt es sich aushalten! Ein paar hundert Meter entfernt rauscht das Meer, gegenüber ist ein kleines Restaurant. Das Apartment ist Bestandteil eines Hotelkomplexes, der alle Annehmlichkeiten bietet – vom Kinderclub über Spa, diverse Restaurants und Bars. Herrlich – nur eben leider nicht für uns.
Aufgeregt werden die Zimmer verteilt und die Koffer ausgepackt. Mit der Inspektion der Küchengeräte geht mir auf, das erstens meine Kochpause vorbei ist und ich zweitens Lebensmittel brauche. Ui, wie geht das denn wohl in Quarantäne. Die Nachbarn wird man wohl nicht ansprechen?

Ein Gläschen in Ehren // Wer Sorgen hat, hat auch Likör

Abdul, der Kriseninterventionsmanager des Reisebüros weiß Rat. Spinney´s sei der nächstgelegene Supermarkt und da könne man alles online bestellen. Und wenn alle Stricke reißen, dann würde Abdul auch einspringen und uns versorgen. Na, das ist doch ein Wort. Flugs richte ich den Account ein und ein kulinarisches Online-Paradies öffnet seine Pforten. Inspirierende Rezepte, deren Zutaten ich mit einem Click direkt in meinen Einkaufswagen befördern kann, alle Basics, und da gibt es ein Oreo-Keks Cereal mit gar nicht so abartig viel Zucker. Schau einer an, Actimel haben sie auch. „Eis, Mama!!!! EEEEIIIIS!“ – ja, gibt es! So, wo sind denn hier die Spirituosen? Ohne ein Gläschen Rosé ist diese isolierte Sache hier doch recht freudlos. Komisch, kein Treffer! Wine, Roséwine, alcohol, spirits, gin, gintonic…..mir gehen langsam die Ideen aus. Dem Spinney´s Portal ganz offenkundig auch, denn in ermüdender Gleichmütigkeit zeigt es mir an, das meine Suche ergebnislos blieb.
Das Engelchen auf meiner Schulter frohlockt: „Wie praktisch, da kannst du das Urlaubsdetox gleich beginnen – gab doch ohnehin genug in den letzt……..“ und bricht unter der Wucht des Schlags der Roséflasche in der Hand des Teufelchens auf der anderen Schulter zusammen. Ach, man lernt ja soviel, wenn man in einem Land nicht nur Urlaub macht sondern quasi lebt. Alkohol gibt es in Dubai grundsätzlich erst einmal gar nicht. Ihre Religion verbietet Muslimen den Erwerb und den Genuss von Alkohol. Alle anderen behelfen sich in Restaurants oder bei lizensierten Spirituosenläden. Abdul ist ein weiterer Versuch ohne Treffer – er sieht unsere Situation nicht als eine Krise, in die er eingreifen müsste. Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Ohne Mühe stifte ich meinen Mann zum Ausbruch an.
Zwei Stunden später ist er wieder da mit einer Kiste Wein unter dem Arm. Ui, da bin ich froh. Aus Angst vor der möglichen Handyortung durch die Health Authorities hatten wir ihm das Telefon abgenommen und mit den verrinnenden Stunden wuchs meine Überzeugung, ihn mit meiner Gier direkt in ein arabisches Gefängnis befördert zu haben. Aber nein, wir scheinen auf die Sonnenseite zurückgekehrt zu sein. Darauf stoßen wir an.

Die Kinder brauchen eine vernünftige Struktur

Ja, das haben meine Eltern richtig erkannt. Mit einem angehenden Abiturienten, zwei ferienaffinen Schülern, zwei Berufstätigen und einem quietschvergnügten Kleinkind im Ferienapartment bei 35 Grad eine echte Herausforderung. Nun ist aber in den vergangenen Monaten so viel über Beruf und Schule und zu Hause alles in einem geschrieben worden, das muss ich jetzt nicht im Sunshine-Setting noch einmal aufdröseln. Stellt euch einfach vor: Alles wie zu Hause nur im Bikini!
Genau das postete meine Tochter dann auch fröhlich auf ihrem Instagram-Account: Die strahlende 18jährige im Bikini in der Hängematte mit der Bildunterschrift “Quarantini in Bikini“ – das Bild hatte auch sehr schnell über 1000 likes, allerdings wurde daraufhin unsere freundliche Anfrage bei der Schule eventuell zum Onlineunterricht freigeschaltet abschlägig beschieden und ein langes Gespräch mit dem Schulleiter sollte dieses Thema auch noch einmal auf´s Parkett bringen. Struktur dahin. Nach ein- oder zwei wenig motivierten Versuchen, mit dem Viertklässler Mathe zu üben, brach auch die Grundschulstruktur zusammen. Wir versuchten unser Berufsleben über Video- und Telefonkonferenzen aufrecht zu erhalten, die sich täglich vertiefende Bräune und die ausgelassenen Hintergrundgeräusche waren aber nicht allzu gut für die Glaubwürdigkeit. Einzig unser Abiturient stand an vielen Tagen früh auf, um den Vormittag zum Lernen zu nutzen. Summa summarum kann man gestehen, dass wir nach vier Tagen Quarantäne wieder komplett im Ferienmodus angekommen waren und uns mehr oder weniger an die Kindergartenstruktur der Kleinsten angepasst hatten.

Freitesten oder nicht?

Außer meiner positiv getesteten Tochter, hatten wir drei anderen Erwachsenen das Ergebnis „presumptive positive“ erhalten. Das bedeutet, dass wir uns 72h nach dem Testergebnis erneut testen dürfen und, im Falle eines negativen Resultats wieder frei sind. Was schießt einem da alles durch den Kopf: Was wenn wieder ein falscher Test dabei ist und die zehn Tage wieder von vorne beginnen? Was wenn der Test gar nicht falsch war, sondern der zweite? Asymptomatischer Verlauf? Irgendwie habe ich auch Halskratzen? Wer soll das bezahlen? So ein Test in Dubai kann schon mal 250 bis 500 € pro Nase kosten. Und wenn das klappt mit der Freitesterei, wer fliegt dann und wer bleibt? Ziehen wir um, bleiben wir hier? Was, wenn doch noch eine Erkrankung ausbricht?
Wir entscheiden, dass die Familie bis zum Ende der Isolation zusammenbleibt. Das Restdilemma lösen wir pragmatisch und betrachten uns nach 72h auch ungetestet als frei, was bedeutet, dass ein Großteil unserer Gruppe jetzt auch einmal am Strand spazieren geht und im Meer baden kann. Restaurantbesuche, Ausflüge oder uns weiter vom Apartment zu entfernen trauen wir uns noch nicht. Na gut, außer dem kleinen Restaurant und der Bar direkt gegenüber, in der mein Mann und ich uns gelegentlich ein wenig Erwachsenenzeit gönnen.
Die Kontrolle der Health Authority hat sich bisher auf einen Anruf bei der positiv getesteten Tochter beschränkt, die presumptive Positiven wurden gar nicht kontrolliert – wir fühlen uns alle relativ sicher und halbwegs regelkonform. Aber apropos Kontrolle: Ein Gedanke, der uns mehr und mehr beschäftigte, war die Frage, wie wir eigentlich den Nachweis führen würden, dass die zehn Tage Quarantäne eingehalten worden waren. Eine Auswahl an Antworten, die wir aus berufenen Quellen erhielten sei hier geteilt: „Oh, nach dem zehnten Tag stellt ihr einen Antrag und der wird dann in spätestens vier Tagen bearbeitet und dann könnt ihr fliegen.“ „Das gilt nicht für Touristen, ihr könnt einfach so fahren.“ „Auf der Homepage gibt es einen Prozess, den ihr am zehnten Tag anstoßen könnt und dann gibt es die Bestätigung per WhatsApp – geht recht schnell.“ „Kann der Vermieter da nicht was schreiben?“
Bis zum letzten Tag sollte uns dieses Thema täglich befassen.

Geordneter Rückzug

Der Morgen nach dem zehnten Tag der Quarantäne soll unser Abflugmorgen sein. Das bedeutet, wir müssen Tests besorgen, die maximal 48h vor der Landung in Deutschland abgenommen wurden. Als die Krankenschwester mit unseren Tests ins Labor abzieht, kriecht in mir die Panik hoch. Ich bekomme Halsweh, Kopfschmerzen und ich fühle mich nach 38,5 Grad Fieber. Ich stöbere schon heimlich bei AirBnB für die nächste Unterkunft. Unsere würde nicht mehr frei sein, wenn wir, so bin ich mir sicher die nächste zehn tägige Quarantäne beginnen. Um meiner Laune gänzlich den Rest zu geben, checke ich den Kontostand und die Höhe der Kreditkartenabrechnung. Freudlos beginne ich zu packen, denn ich weiß ja, es ist ohnehin für die Katz´!
„Ui, Mama schau mal!” Fröhlich hält mir mein Kind eine E-mail unter die Nase, in der die Dubai Health Authorities bestätigen, dass die zehn Tage Quarantäne erfolgreich abgeschlossen wären. Ganz einfach und ganz automatisch ging das. Das muss ein Zeichen sein, meine untrügliche Intuition hat wahrscheinlich einen Sonnenstich, oder zu viel Rosé getrunken oder beides. Ich fühle es jetzt ganz deutlich: Wir sind bald daheim!
Letzter Abend! Befreit aus der Isolation? Ab in die Stadt! Doch noch was sehen! Die aller letzten Dirham des überstrapazierten Ferienbudgets werfen wir den Betreibern des Burj Khalifa, des höchsten Turms der Welt in den Rachen und betrachten das Glitzerparadies von ganz oben. „Fast wie im Flugzeug“ träume ich vor mich hin. Wir setzen uns in ein Restaurant, um die Wasserspiele zu betrachten und erhalten die Nachricht, dass alle Testergebnisse negativ ausgefallen sind.

Und die Moral von der Geschichte?

Nicht alles, was wir für moralisch mangelhaft halten, ist es. Wir nehmen einen dreiwöchigen Sonderurlaub, ein großes Familienabenteuer und eine perfekt schwimmende fünfjährige mit nach Hause. Wir haben gemeinsam Ängste durchlitten, zusammengehalten, auf allen Ebenen improvisiert und ein Budget verballert, dass es nicht gab. Hätten wir es im Rückblick anders gemacht: Bestimmt, aber das gilt für erstaunlich viele Rückblicke und zählt deswegen nicht.

Teil eins lest ihr hier

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