Teile diesen Beitrag  

Die Schulpsychologin und Autorin Fabienne Hesse hat sich in ihrem Buch „Asa und Mucks – Freundschaft mit der Angst“ dem Thema Angst und wie Kinder sie überwinden können angenommen. Im BARRIO Gespräch erfahren wir von Fabienne Hesse, wie wir am besten mit der Angst unserer Kinder umgehen. Sie gibt uns Erste-Hilfe-Maßnahmen an die Hand und erklärt warum es so wichtig ist diese zu thematisieren.

Fabienne Hesse im Interview

Warum war es Ihnen wichtig ein Buch über die Angst zu schreiben? Und sogar zur Freundschaft mit der Angst aufzufordern?

Ängste gehören zur normalen Entwicklung von Kindern und erfüllen (über)lebenswichtige Funktionen. Angst ist zwar ein unangenehmes, aber sehr hilfreiches Gefühl. Es kann uns vor potentiellen Gefahren warnen und uns zu sogenannten „fight or flight“ (Kampf oder Flucht) Reaktionen anspornen. Beherrscht die Angst aber zunehmend das Leben, kann dies negative Folgen haben.

Bei meiner Tätigkeit als Schulpsychologin erlebe ich immer wieder, dass Kinder und deren Bezugspersonen sich unsicher fühlen, wenn es um den gesunden Umgang mit Ängsten geht. Das Buch ist aus der Idee heraus entstanden, ihnen durch viele praktische Übungen konkrete Werkzeuge im Umgang mit der Angst an die Hand zu geben und das Selbstvertrauen dadurch zu stärken. Denn wer sich mit seiner Angst anfreundet, behält die Kontrolle.

Ab welchem Alter sind Kinder mit Angstthemen konfrontiert?

Angst begleitet uns durch das ganze Leben hindurch. Die Themen der Angst unterscheiden sich häufig in den jeweiligen Entwicklungsphasen. Schon Neugeborene reagieren ängstlich bei lauten Geräuschen oder, wenn sie alleine gelassen werden. Mit ungefähr acht Monaten beginnen viele Kleinkinder, sich vor fremden Personen oder Gegenständen zu fürchten und haben Angst vor Höhen. In der Vorschulzeit fürchten sich Kinder beispielsweise häufiger vor Dunkelheit, Gewittern, Fantasiegestalten oder vor Tieren. In der Schulzeit nehmen soziale Ängste, Trennungsängste, Versagensängste, Krankheitsängste und Angst vor Umweltkatastrophen zu. Bei älteren Kindern kommen vermehrt abstrakte Ängste vor.

Was ist wichtig im Umgang mit der Angst?

Das Ziel ist nicht, dass das Kind keine Angst mehr hat, sondern Strategien erlernt, damit die Angst nicht zu viel Platz einnimmt. Dabei ist es wichtig, die Angst gut zu beobachten, sie anzunehmen und zu benennen. Angst wird grösser, wenn wir ihr ausweichen oder schwierige Situationen vermeiden. Um die Angst zu überwinden, müssen wir uns ihr also stellen. Dies kann schrittweise passieren. Wenn ein Kind zum Beispiel Angst vor Hunden hat, kann ein erster Schritt sein, sich ein Video eines Hundes oder einen angeleinten Hund aus der Ferne anzuschauen. Nach und nach kann die Distanz dann verringert werden, bis das Kind sich traut, den zahmen Nachbarshund zu streicheln. Dabei sollte das Kind nicht überfordert werden. Ein Schritt kann auch mehrmals wiederholt werden, wichtig sind vor allem die Erfolgserlebnisse und die gemeinsame Besprechung mit dem Kind. Eltern sollten geduldig bleiben und ihr Kind für bereits Erreichtes loben! Wichtig ist auch, dass die Erwachsenen ihre Vorbildfunktion im Hinterkopf behalten, weil Kinder Verhalten abschauen. Daher sollten sie Kindern also mutig vorausgehen und sich auch den eigenen Ängsten stellen!

Gibt es Erste-Hilfe-Maßnahmen, wenn wir bei unseren Kindern feststellen, dass sie Angst vor etwas haben?

Eltern können ihre Kinder unterstützen, indem sie die Angst weder herunterspielen, noch übertreiben. Ängste können nicht immer erklärt werden, so kommt man mit der Frage nach Gründen für die Angst meist nicht weiter. Eltern sollten die Angst ihrer Kinder ernst nehmen und in einer ruhigen Minute mit ihnen zusammen herausfinden, was helfen könnte. Manchmal hilft es schon, wenn das Kind einen kleinen Glücksbringer von Mama oder Papa mitnehmen darf oder die Eltern dabei beobachtet, wie sie mit der Angst des Kindes umgehen. Es kann auch helfen einen Plan aufzustellen, wie sich das Kind in der Angstsituation zukünftig verhalten könnte. Dies vermittelt Sicherheit.

Angst, die unerkannt bzw. unthematisiert bleibt, wird sich manifestieren, ist das richtig? Und was können wir als Eltern tun, um die Ängste unserer Kinder zu erkennen?

Viele Ängste verschwinden bei Kindern wieder von alleine. Wenn länger anhaltende Ängste unerkannt bleiben, können sich aber in einigen Fällen Angststörungen entwickeln. Angststörungen sind die häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter und man geht davon aus, dass ungefähr 10% aller Kinder und Jugendlichen davon betroffen sind.

Bei einigen Kindern sind Ängste vielleicht ganz leicht erkennbar. Andere Kinder zeigen Ängste weniger eindeutig. Wenn Kinder sich von gewohnten Aktivitäten plötzlich zurückziehen, gewisse Situationen meiden, angespannt und unsicher wirken oder häufig über Bauchschmerzen klagen, sollten Eltern genauer hinschauen. Wenn Ängste über längere Zeit hinweg auftreten, eine hohe Intensität aufweisen, die Entwicklung oder alltägliche Aktivitäten (z.B. gemeinsame Mahlzeiten, Treffen mit Freunden, Freizeitangebote) beeinträchtigen oder zu einem hohen Leidensdruck führen, sollten sie sich bei einer Fachstelle beraten lassen. Dies können Kinder- und Jugendpsychologen und -psychiater, Schulpsychologen oder Kinderärzte sein.

Wie können wir als Eltern unsere Kinder unterstützen? 

In erster Linie sollten Eltern verlässlich für ihre Kinder da sein und ein offenes Ohr haben. Sie sollten das Kind ermutigen, über seine Gefühle zu sprechen und Ängste zu benennen. Kinderbücher oder Geschichten können dabei helfen. Sie können dem Kind erklären, dass es mit seiner Angst nicht alleine ist, von eigenen Kindheits-Ängsten erzählen und berichten, was ihnen damals geholfen hat. Eltern sind für Kinder ein wichtiges Vorbild und können helfen, indem sie auch eigenen Mut beweisen. Sie können Ängste ihren Kindern erklären und sie zur Konfrontation mit der Angst ermutigen. 

Freundschaften brauchen Zeit. So ist es auch bei der Freundschaft mit der eigenen Angst. Geduld ist daher ganz wichtig.

Gibt es praktische Übungen, die alle Eltern anwenden können?

Ja, die gibt es! Häufig sind Entspannungsübungen für Kinder mit Ängsten hilfreich, da sie innere Anspannung lösen können. Auch ist der Blick auf das Positive ganz zentral. Das Kind hat bestimmt ganz viele Stärken, welche man beispielsweise gemeinsam aufschreiben und in einer „Schatztruhe“ sammeln kann.

Eine weitere Übung könnte sein, ein Mutplakat zu gestalten, welches der Angst eine klare Ansage macht! Weiterhin können Eltern die Kinder ihre Angst zeichnen und dann verändern lassen oder eine unsichtbare „Mutfigur“ erfinden, welche das Kind in schwierigen Situationen begleiten kann. Diese und weitere Übungen stelle ich auch in meinem Buch „Asa und Mucks – Freundschaft mit der Angst“ vor!

Als Schulpsychologin haben sie direkten Einblick, wo liegen denn bei Schulkindern die meisten Angstthemen?

Die Schulzeit bringt neben zahlreichen Chancen auch viele Anforderungen mit sich. Die Trennung von den Eltern während des Schultags kann bei einigen Kindern Sorgen auslösen und Trennungsängste verursachen. Viele Kinder beginnen zunehmend, sich mit anderen zu vergleichen und ihre Rolle im sozialen Umfeld zu finden. Daher werden in diesem Alter Leistungs- und Versagensängste häufiger und auch soziale Ängste nehmen zu. So sehe ich viele Kinder mit Prüfungs- oder Vortragsängsten oder Kinder, welche Angst haben, von den Gleichaltrigen ausgeschlossen zu werden.

Das soziale Umfeld kann aber auch als grosse Chance angesehen werden. Lehr- und andere Fachpersonen werden für die Kinder wichtige Bezugspersonen und können Ihnen bei Ängsten Vertrauen, Sicherheit und Schutz vermitteln. Gleichaltrige werden zunehmend wichtiger und können als gute Freunde Ängste vermindern.

Und wenn das Kind Freundschaft mit der Angst schliesst, ist sogar diese auf seiner Seite!

Quellen zum Thema:

  • Beesdo, K., Knappe, S., & Pine, D. S. (2009). Anxiety and anxiety disorders in children and adolescents: developmental issues and implications for DSM-V. Psychiatric Clinics, 32(3), 483-524.
  • Benjamin, R. S., Costello, E. J., & Warren, M. (1990). Anxiety disorders in a pediatric sample. Journal of Anxiety Disorders, 4(4), 293-316.
  • Gullone, E. (2000). The development of normal fear: A century of research. Clinical psychology review, 20(4), 429-451.
  • King, N. J., Ollier, K., Iacuone, R., Schuster, S., Bays, K., Gullone, E., & Ollendick, T. H. (1989). Fears of children and adolescents: A crosssectional Australian study using the revisedfear survey schedule for children. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 30(5), 775-784.
  • La Greca, A. M., & Harrison, H. M. (2005). Adolescent peer relations, friendships, and romantic relationships: Do they predict social anxiety and depression?. Journal of clinical child and adolescent psychology, 34(1), 49-61.
  • Schmidt, M. E., & Bagwell, C. L. (2007). The protective role of friendships in overtly and relationally victimized boys and girls. Merrill-Palmer Quarterly (1982), 439-460.
  • Somers, J. M., Goldner, E. M., Waraich, P., & Hsu, L. (2006). Prevalence and incidence studies of anxiety disorders: a systematic review of the literature. The Canadian Journal of Psychiatry, 51(2), 100-113.
  • Steinhausen, H. C., Metzke, C. W., Meier, M., Kannenberg, R., Metzke, C. W., Meier, M., & Kannenberg, R. (1998). Psychiatric disorders: the Zürich Epidemiological Study. Acta Psychiatrica Scandinavica, 98, 262-271.

Zu unserer Rezension geht es hier

Mehr zum Buch von Fabienne Hesse

Weitere interessante Beiträge

Jetzt am Gewinnspiel teilnehmen

Diesen und weitere interessante Artikel findest du in der Barrio App. Hast Du schon? Super! Hast du noch nicht? In der App findest du aufgrund der aktuellen Lage noch mehr digitale Angebote, virtuelle Playdates zum Austauschen, Online-Kursempfehlungen für die ganze Familie sowie Angebote, Gutscheine und andere Vergünstigungen. Jetzt App installieren: barrio-app download